Aktualisiert am 31.03.2021 | Lesezeit 5 Minuten

Wann und warum muss Adipositas operativ behandelt werden?

Adipositas ist eine komplexe Erkrankung, die neben dem erhöhten Gewicht mit verschiedenen, zum Teil schweren gesundheitlichen Problemen einhergeht. Ab einem BMI von 35 steigt das Sterbe-Risiko massiv an und der Leidensdruck der Betroffenen ist in der Regel immens. Die Operation ist aktuell die einzige Therapieoption.

Wir sprechen mit Dr. med. Rainer Brydniak, Leitender Arzt der Klinik für Chirurgie und Orthopädie am Kantonsspital Schaffhausen. Er operiert seit über 20 Jahren Patienten mit Adipositas. Er beantwortet sieben Fragen von Betroffenen.


Am 4. März 2021 hielt er den Vortrag "Wann und warum muss Adipositas operativ behandelt werden?". Die Aufzeichnung können Sie hier ganz in Ruhe noch einmal anschauen. 

 

Frage 1: Was weiss man darüber, wie sich das Hormon-System (Ghrelin, Leptin, Sättigungshormone) durch eine Magenbypass-OP verändert?

Die Magenbypass-Operation ermöglicht nicht nur eine massive Übergewichtsreduktion, sie führt auch dazu, dass beispielsweise der Diabetes-Typ 2 verschwindet. Genauer erkläre ich das in meinem 15 minütigen Vortrag, den Sie hier anschauen können.

Frage 2: Ich habe leider immer Hunger, auch nach einer sehr eiweissreichen Mahlzeit. Kann ich gegen das Hormon Ghrelin etwas tun? Ich habe Angst, dass ich nach meiner OP nicht aufhören kann zu essen. Es ist sehr interessant für mich, denn eine Sättigung erfahre ich auch nicht. Ich höre auf zu essen, weil ich die Menge überblicke.

Nein, leider können Sie gegen das Ghrelin nichts tun. Ihre Hormon-Level sind wahrscheinlich ziemlich hoch. ABER, Sie brauchen keine Angst zu haben, dass Sie nach der OP "unkontrolliert" essen. Sie können sich heute noch gar nicht vorstellen, wie es sich anfühlen wird. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Sie sehr überrascht sein werden, wie gut Sie nach der Operation mit dem Thema Sättigung zurecht kommen.

Frage 3: Wann ist ein Magenbypass und wann ein Schlauchmagen besser zu empfehlen?

Das ist ein sehr grosses Thema, das eine umfassende Erklärung bräuchte. Kurz zusammengefasst kann ich sagen: Es gibt Befunde, die bei einzelnen Patienten gegen einen Schlauchmagen bzw. gegen einen Magenbypass sprechen. Das berücksichtige ich natürlich. Bei ca. 70% der Patienten ist es faktisch „egal“ ob ein Magenbypass oder ein Schlauchmagen operiert wird. Es wären beide möglich. Wichtig ist nur, dass der Arzt die richtigen Fragen stellt und dem Patienten die unterschiedlichen Auswirkungen klar macht. Am Ende entscheidet (bei mir) auch der Patient mit.

Frage 4: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit bei so einer Operation zu sterben?

Die statistische Wahrscheinlichkeit, an der Operation zu sterben ist 0,1%, also 1 von 1000. Dem müssen Sie aber die Wahrscheinlichkeit ohne OP zu sterben gegenüberstellen - unter der Annahme, dass Sie weiterhin krank bleiben. Diese Wahrscheinlichkeit ist ungefähr 16 Mal so gross. Rein mathematisch gesehen, begeben Sie sich von einem sehr hohen Sterbe-Risiko (jetzt) auf ein viel niedrigeres Sterbe-Risiko durch die OP. Sie „bezahlen“ diese Sterbewahrscheinlichkeitssenkung durch einen Mini-Bruchteil: das OP-Risiko von 0,1%.

Das ist natürlich nicht das, was wir „fühlen“, sondern reine Logik/Mathematik. Aber... Mathematik lügt nicht. Wenn Sie nachts wach liegen und sich Sorgen machen, weil bald Ihre OP ansteht, so können Sie sich mit Recht sagen: „In Wahrheit begebe ich mich durch die OP von einem hohen zu einem sehr niedrigen Sterbe-Risiko.“ Ein bisschen Rest-Angst oder „Respekt vor der OP“ ist völlig normal und verspürt wohl jede/r.

Frage 5: Ist gelegentliches Sodbrennen immer ein Ausschlusskriterium für einen Schlauchmagen?

Nein. Das muss aber genau geprüft werden. Dazu wären verschiedene weitere medizinische Abklärungen notwendig und die Operation müsste von einem Experten für Schlauchmagen durchgeführt werden.

Frage 6: Offenbar ist eine OP nur bis 65 bezahlt, macht es nachher keinen Sinn mehr?

Das stimmt nicht. Die OP wird auch bei unter 18-Jährigen und über 65-Jährigen bezahlt. Es ist lediglich eine Empfehlung, dass in diesen Grenzbereichen des Alters eine genauere Prüfung zu erfolgen hat. Das Alter ist aber im Grunde „kein Problem“. Die Patienten, die ich bisher in diesem Altersspektrum operiert habe, profitieren genauso wie alle anderen.

Frage 7: Ist Adipositas vererbbar? Was ist bei Kindern von einer Adipositas-Person zu beachten?

Vererbung ist ein hochkomplexes Thema, das ich hier nicht vollumfänglich beantworten kann. Aber, so wie sehr viele Körper- und Charaktereigenschaften können auch klare Familien-Linien leicht nachvollzogen werden. Es ist aber nicht so, dass adipöse Eltern automatisch adipöse Kinder haben. Vererbung ist wie gesagt sehr komplex und v. a. multifaktoriell.

Zu beachten ist bei Kindern Folgendes: 

  • Schon die Ernährung in der Schwangerschaft hat einen starken Einfluss auf die spätere Adipositas-Entwicklung der Kinder.
  • Das Vorleben zu Hause, also wie verhalten sich die Eltern, die Ernährung und die Bewegung sind von Anfang an sehr wichtig.
  • Das aus meiner Sicht Allerwichtigste ist, ob beide Eltern-Teile die Themen „Ernährung- und Bewegung“ für gleich wichtig halten und auch gleich mit ihren Kindern behandeln.
  • Auch sehr wichtig und sehr schwierig ist, von Anfang an sehr zurückhaltend mit Kohlehydraten zu sein: Ein Teller Pommes zum Mittag oder ein Teller Pasta zum Mittag sind leider für Veranlagte eine Katastrophe, die Sie als Eltern irgendwann überhaupt nicht mehr beeinflussen können.
  • Wenn schon eine Entwicklung da ist, sollten Sie möglichst früh zu einer Ernährungsberatung gehen. Wichtig wäre dann die Ernährungsumstellung der ganzen Familie.


Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen? Wenn Sie mehr wissen möchten, sehen Sie sich den 15 minütigen Vortrag "Wann und warum muss Adipositas operativ behandelt werden?" von Dr. med. Rainer Brydniak an.

Im April beantwortet unser Experte für Übergewichtschirurgie am GZO Spital Wetzikon, PD Dr. med. Daniel M. Frey, Fragen zur Magenbypass-Operation. Wir würden uns freuen, wenn Sie wieder dabei sind. 

Bis dahin, bleiben Sie gesund!

 

Letzte Aktualisierung: 31.03.2021