Aktualisiert am 19.10.2020 | Lesezeit 5 Minuten

Wie hilft Ernährungsberatung bei Adipositas?

Vielen Adipositas-Betroffenen fällt das Abnehmen sehr schwer. Dabei wäre das so wichtig, um ihre gesundheitlichen Risiken zu senken, ihr Selbstwertgefühl zu steigern und wieder aktiv am Leben teilnehmen zu können. Wir fragen eine Expertin für Ernährungsberatung, warum das Abnehmen so schwer ist und wie professionelle Begleitung helfen kann.

 

Wir sprechen mit Dominique Rémy, Dipl. Ernährungsberaterin HF/SVDE. Als Expertin für Ernährungsberatung im Adipositas-Netzwerk unterstützt und begleitet sie Patienten im Raum Winterthur. 

 



Wie sind die Menschen, die zu Ihnen in die Ernährungsberatung kommen? Gibt es den "typischen" Adipositas-Patient?

Nein, DEN typischen Menschen mit Adipositas gibt es nicht. Schweres Übergewicht gibt es in allen Bevölkerungsschichten, von der erfolgreichen Managerin bis zum finanziell schlecht Gestellten/IV-Bezüger, vom Familienmann bis zur Single-Frau, in praktisch allen Altersstufen. Aber eine Gemeinsamkeit verbindet sie aus meiner Sicht nach dennoch: Die meisten übergewichtigen Personen haben ein sogenanntes Selbstfürsorgedefizit: Der Geschäftsmann opfert seine Zeit für die Arbeit auf, die Teilzeitkraft schaut, dass es in Familie und Job läuft.

Besonders häufig trifft Adipositas Personen in sozialen Berufen/Pflegeberufen, wo die Arbeitsbedingungen schlecht sind, die Arbeitslast hoch ist und Abgrenzung schwerfällt. Zusammenfassend würde ich sagen, dass es Menschen mit Übergewicht schwerfällt, sich für ihre Bedürfnisse stark zu machen, sich abzugrenzen und Zeit und Raum für sich zu schaffen.

Möchten Ihre Patienten denn abnehmen? Und wissen sie, wie sie das angehen können?

Häufig haben Patienten ein gutes Grundwissen in Ernährung und Erfahrungen, einerseits durch Diäten, andererseits durch bereits durchgeführte Ernährungsberatungen. Jedoch haben sie oft nur kurzfristige Erfolge erlebt und sind verunsichert, wie sie eine langfristige und nachhaltige Gewichtsreduktion in Angriff nehmen sollen. Sie kennen meist nur ein sogenanntes Schwarz-Weiss-Denken: Entweder voll im Diätmodus mit jeglichem Verzicht oder das pure Gegenteil mit wenig bis gar keiner Beachtung bzgl. der Ernährung, jedoch im Kopf immer mit Schuld- und Schamgefühlen und der Idee ‘morgen/Montag fange ich wieder an’.

Wie kann eine Ernährungsberatung Menschen mit Adipositas beim Abnehmen unterstützen?

Die meisten Patienten wünschen sich eine langfristige und nachhaltige Gewichtsreduktion und haben keine Lust mehr auf rigide Diäten, die kurzfristige Erfolge versprechen. Hier kommt die Ernährungsberatung ins Spiel, denn sie kann helfen, erst mal eine Standortbestimmung zu machen und zu schauen, welche Gründe zu einer Gewichtszunahme geführt haben und welche Faktoren das Gewicht negativ beeinflussen.

Dann entwickeln wir eine Strategie, welche Verhaltensveränderungen es für diesen Prozess braucht und beginnen, diese auszuprobieren und individuell anzupassen. Neben ernährungstechnischen Veränderungen braucht es oft auch eine ernährungspsychologische Unterstützung, um gesundheitsförderndes Verhalten zu trainieren. Es geht nicht um Verbote, sondern um das Erlernen von regelmässigen Strukturen, ein gutes Mittelmass in der Umsetzung zu finden und sich selbst mehr Zeit und Aufmerksamkeit zu schenken. Abnehmen ist ein Prozess, keine Aufgabe, die erledigt werden muss und dann abgehakt werden kann. Wir Ernährungsberaterinnen im Adipositas-Netzwerk sind da, um die Patienten regelmässig zu sehen und begleiten zu können.

Wie funktioniert eine Ernährungsberatung denn genau?


Die meisten Patienten kommen über eine Verordnung vom Arzt. Wenn sie einen BMI von über 30 kg/m2 haben und mindestens eine Begleiterkrankung, wie zum Beispiel Bluthochdruck, erhöhte Cholesterinwerte oder Diabetes haben, kann der Arzt Ernährungsberatung verordnen. Eine Verordnung umfasst 6 Konsultationen. Die Krankenversicherung übernimmt mindestens 2 Verordnungen. Das bedeutet 12 Beratungen, die auf einen Zeitraum von ca. 1,5 Jahren verteilt werden können, in denen wir die Patienten begleiten. Ich habe aber auch Patienten, die seit 4 Jahren zu mir kommen und die Kosten für die Konsultationen selbst übernehmen.

Beim ersten Termin geht es darum, dass wir einander kennenlernen. Wir besprechen, welche Themen wir gemeinsam anschauen und welche Ziele der Patient hat. Dieses erste Gespräch dauert 50 Minuten. Der Patient geht in der Regel mit einer kleinen Aufgabe nach Hause. Etwa 2-3 Wochen später sehen wir uns am nächsten Termin und der Patient berichtet, wie es ihm in dieser Zeit mit der Aufgabe ergangen ist und was er an sich beobachtet hat. Wir legen Schritt für Schritt miteinander kleine, erreichbare Handlungsziele fest. Es geht dabei darum, dass der Patient es schafft, kleine Umstellungen vorzunehmen und diese langfristig beibehalten zu können.

Wann ist für Sie eine Ernährungsberatung erfolgreich?

Ein Abnehmprozess ist nicht linear, das Gewicht stagniert oder durch Ferien und Feiertage steigt das Gewicht auch mal wieder um ein paar Kilo. Wenn ein Patient es dann schafft, weiter dran zu bleiben oder wieder einzusteigen, das ist für mich ein grosser Erfolg. Auch wenn Patienten bewusster essen, sich selbst mehr Zeit und Aufmerksamkeit schenken und das Abnehmen nicht immer im Vordergrund steht, dann ist es ein Erfolg für mich. Wenn eine Familienfrau sich im Alltagsstress noch etwas Zeit für sich nimmt oder eine Person mit Essanfällen diese zwar nicht stoppen, aber deutlich reduzieren konnte – das alles ist für mich ein Erfolg.

Dann geht es darum, dass Patienten lernen, sich selbst zu helfen?

Genau. "Der Weg ist das Ziel." Wenn ein Patient wieder spürt, dass er positiven Einfluss auf seine Lebenssituation und schlussendlich auch wieder auf sein Gewicht nehmen kann, dann hat er den wichtigsten Schritt gemacht. Wir unterstützen Adipositas-Patienten dabei, das zu erkennen und ermutigen sie, diesen Weg zu gehen.

 

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Letzte Aktualisierung: 19.10.2020