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Option Operation - für extrem Übergewichtige das einzig Richtige


Daniel M. Frey ist Chefarzt der Chirurgie am GZO Spital in Wetzikon und schweizweit anerkannter Experte in der Behandlung von krankhaftem Übergewicht. Er sagt: 80 Prozent der Übergewichtigen sind vorbelastet. Interview vom 16.2.2017.

Herr Frey, bewegen Sie sich genug?

Ja, ganz sicher. Im Spital laufe ich dauernd durch die Gegend, und wir gehen als Ärzte-Team jeweils vor dem Mittagessen alle elf Stockwerke hoch und dann wieder hinunter. So treiben wir einmal pro Tag unseren Puls hoch.

Also treiben Sie privat keinen Sport mehr?

Doch, aber nicht so viel, wie ich gern würde. Ich habe mir vorgenommen, im Sommer gelegentlich mit dem Fahrrad zur Arbeit zu kommen.

Was sagen Sie einem gestressten Bürolisten, der sagt, er habe keinen Elan mehr, sich abends noch zu bewegen?

Das ist einfach eine faule Ausrede. Diese Zeit muss man sich einfach nehmen, wenn einem seine Gesundheit etwas bedeutet. Es muss ja nicht immer Spitzensport sein. Es reicht, wenn man statt dem Lift die Treppe nimmt. Jeder dritte Schweizer ist übergewichtig, hat also einen Body-Mass-Index (BMI) von über 25.

Sind wir zu faul?

Jein, Übergewicht ist eine Krankheit. Ein Teil davon ist genetisch bedingt: Wir kennen heute über tausend Genveränderungen, die dazu führen, dass der Mensch schneller zu- und weniger schnell abnimmt. Der eine kann zwei Teller Spaghetti essen, ohne Schaden zu nehmen, und der andere braucht sie nur anzusehen und nimmt zu. Das soll keine Ausrede sein, aber die Anlagen begünstigen Übergewicht definitiv. Dies betrifft rund 40 Prozent der Übergewichtigen.

Aber die restlichen 60 Prozent sind zu faul?

Nein, weitere 40 Prozent meiner Patienten haben in der Kindheit ein Trauma erlebt. Sie essen sich aus Kummer und Frust Fett an, das sie dann wie ein Schutzmantel umhüllt, in der Vorstellung, dann auch in Ruhe gelassen zu werden. Ich begleite meine Patienten während fünf Jahren durch diesen Prozess und werde dadurch zur Vertrauensperson. Was ich da zu hören bekomme, möchten Sie lieber in keinem Film sehen. Manchmal brauche ich eine dicke Haut, damit ich nicht alles an mich heranlasse. Aber klar, viele Adipositas- Patienten pflegen einen ungesunden Lebensstil. Das ist Teil des Krankheitsbilds. Die Betroffenen sind nicht faul. Sie haben sich einen ungesunden Lebensstil angewöhnt. Essen ist eine Sucht und oft ein grosser Selbstbetrug.

Wie meinen Sie das?

In einer Erstbefragung erzählen mir die Übergewichtigen, was sie über den Tag essen. Da denke ich mir manchmal: Die essen weniger als ich. Dann fotografieren sie ihr Essen während einer Woche, und auf jedem Bild ist noch ein Päckchen Gummibärchen zu sehen. Für meine Patienten ist das nicht «Essen». Wie andere Suchtkranke brauchen auch Adipositas- Patienten einen Coach.

Aber jeder muss doch Verantwortung für sein Leben übernehmen, oder?

Sicher, aber die Gesellschaft begünstigt ungesundes Verhalten zusätzlich. Es fängt in der Schule an. Im Rahmen der Sparmassnahmen hat man die dritte Sportstunde gestrichen.

Die Gesellschaft begünstigt ungesundes Verhalten?

Ja, das Angebot an Nahrungsmitteln ist riesig. Die Portionsgrössen haben sich in den letzten 50 Jahren fast verdoppelt. Das ist nicht nur bei McDonald’s so. Das zeigt sich exemplarisch an der Darstellung des Gemäldes des letzten Abendmahls. Die Portionen sind in den letzten 2000 Jahren immer grösser gemalt worden. Kalorienreiche und fetthaltige Nahrung ist heute günstig und in rauen Mengen vorhanden. Die Kaloriendichte, also die Anzahl Kalorien pro Portion, hat sich vervielfacht. Wenn man sich dann noch zu wenig bewegt, nimmt man oft unbewusst an Gewicht zu. Das ist vielen Menschen bewusst, und trotzdem ändern sie ihr Verhalten nicht.

Warum?

Das ist das Schwierigste überhaupt. Übergewicht ist in der Schweiz ein sozioökonomisches Problem. Menschen aus wenig gebildeten Schichten sind häufiger übergewichtig als diejenigen aus gut ausgebildeten.

Warum ist das so?

Das hat mit der Erziehung, dem Wissen über die Ernährung und dem Einkommen zu tun. Viel wichtiger dünkt mich aber die soziale Komponente. In der Oberschicht zeigt man sich nicht mit Übergewicht. In unteren Schichten ist dies weniger problematisch, weil Übergewicht häufiger vorkommt. Meine Patienten kommen mehrheitlich aus den weniger gebildeten Schichten. Aber auch die Lebensmittelindustrie hat ihren Anteil. Die Firmen sind schuld. Endlich haben wir einen Sündenbock. Die Lebensmittelindustrie hat einen grossen Einfluss. Ich würde sagen, die Zuckermafia ist etwa so mächtig wie die Ölindustrie. Sie finanzieren unzählige Gesundheitsstudien mit halbwissenschaftlichem Hintergrund. Diese Firmen haben über die letzten 50 Jahre den Zuckergehalt ihrer Lebensmittel sukzessive erhöht. Der Zucker gibt uns ein gutes Gefühl, und der Körper gewöhnt sich an die Zuckermenge. Alles andere schmeckt danach fad und ungeniessbar. Eine Schokoladenfabrik denkt aber sicher nicht an die Gesundheit der Bevölkerung. Die will Schokolade verkaufen. Wenn der Gesellschaft etwas an der Gesundheit ihrer Menschen liegt, muss sie langsam aber sicher Massnahmen ergreifen.

Wie könnten die aussehen?

Man könnte in einem ersten Schritt die Produkte zusätzlich zu den Energiewerten mit sportlichen Aktivitäten kennzeichnen, die man machen müsste, um das Produkt wieder zu verbrennen. Für ein Päckchen gebrannte Mandeln muss man zum Beispiel vier Stunden Ski fahren. Wenn man dies gross auf dem Produkt anschreiben würde, wie auf der Zigarettenpackung, könnte das sicher helfen. Aber: Solange es keine Gesetze gibt, werden die Zuckermafia und die Grossverteiler sicher nichts ändern. Die Politik ist in der Pflicht. Ja, Politiker beklagen sich oft über die zu hohen Kosten im Gesundheitswesen. Wenn man diese Kosten senken möchte, dem Übergewicht und den Folgekrankheiten wie Diabetes Typ 2 Herr werden will, müsste der Staat eingreifen und den Zuckergehalt in Lebensmitteln regulieren. Wir schreiben in den Gesetzen fest, wie viele Farbstoffe ein Produkt enthalten darf, warum geht das mit dem Zucker nicht?

Sehen Sie auf der Strasse eigentlich nur noch Übergewichtige?

Klar, sie fallen mir auf. Ich frage mich dann oft, ob sich diese Leute schon über die verschiedenen Möglichkeiten zur Gewichtsreduktion informiert haben und ob ihnen eine professionelle Hilfe zur Verfügung steht. Da sind auch wir als Ärzte gefordert. Die Zahl an übergewichtigen Menschen wird in der Schweiz in den nächsten Jahren noch zunehmen.

Was erzählen Ihnen die Betroffenen?

Ich habe noch keinen gesehen, der sagte: Mein Übergewicht macht mir nichts aus. Viele verdrängen ihr Übergewicht: Vor dem Spiegel sagen mir viele, sie hätten sich nicht als so übergewichtig wahrgenommen. Und zweitens haben sehr viele seit mehr als zehn Jahren nur noch Fotos von ihrem Gesicht gemacht. Der Körper wird vollständig ausgeblendet. Sie verdrängen ihre Probleme. Ja, aber das ist auch eine Art Schutz. Auf die Übergewichtigen zeigt man. Sie werden im Tram gemieden. Die Leute reden über die Dicken. Darunter leiden die Betroffenen sehr.

Wann wird Übergewicht lebensgefährlich?

Ab BMI 30 ist man übergewichtig, und dann treten die Folgeerkrankungen wie zum Beispiel Diabetes auf. Aber das ist die rechnerische Grösse: Ein Maurer, 1,90 Meter gross und 150 Kilo schwer, ist unter Umständen gesünder als ein schmächtiger Bursche, der 45 Kilo wiegt und raucht. Ich sage immer: «Lieber fit und fett als schlank und schlapp.» Aber ab BMI 35 beginnt es lebensgefährlich zu werden.

Dann ist eine Operation unumgänglich?

Sie ist möglich, aber nicht zwingend. Wir klären jeden Patienten individuell ab. Ist er bereit, diesen umfassenden Lebenswandel anzugehen? Wie sehen die Lebensumstände aus? Verkraftet er es auch psychisch? Wenn die strengen Kriterien erfüllt sind, können wir nach einer Bedenkzeit von drei Monaten eine Operation durchführen. Das Magenband gibt es heute nicht mehr. Auf lange Sicht war diese Operation schlicht nicht Erfolg versprechend. 50 Prozent der Magenbänder haben wir in der Schweiz wieder ausgebaut, weil es Komplikationen gegeben hat. Viele Patienten konnten ihr Essverhalten nicht ändern. Das hat dann zwangsläufig zu Komplikationen mit dem Magenband geführt. Wir machen heute eigentlich hauptsächlich den Schlauchmagen und den Magenbypass. Im Verhältnis 2 zu 8.

Wo liegen die Unterschiede?

Den Schlauchmagen operieren wir nicht selten bei Patienten mit einem BMI von über 50, den sogenannten Superobesen. Für diese Patientengruppe wäre der Bypass anfangs aus anatomischen und gesundheitlichen Gründen zu risikoreich. Deshalb machen wir zuerst einen Schlauchmagen. Dabei schneiden wir vier Fünftel des Magens ab. So kann der Patient im Durchschnitt bis zu 55 Kilogramm verlieren. Anschliessend ist er in einer Risikoklasse, in der wir, sollte es dann noch notwendig sein, einen Magenbypass verantworten können.

Was verändert sich nach der Operation?

Alles. Das Leben und das Essverhalten. Sie essen kleinere Portionen und dafür öfter. In der Theorie können sie alles essen. In der Praxis ist das sehr individuell. Der eine verträgt den Zopf nicht mehr, der andere Rindfleisch. Es braucht manchmal wenig, bis man dies körperlich spürt.

Was meinen Sie mit spüren?

Zum Beispiel Schmerzen nach dem Essen. Der Magen wird durch einen Bypass umgangen. Das Essen gelangt deshalb praktisch unverdaut in den Dünndarm, und dafür ist er nicht gemacht. Diese Veränderung des Verdauungstrakts ist extrem: Zum Beispiel kann ein Glas Wein verheerend wirken. Man ist schneller betrunken, andererseits flaut der Rausch auch schnell wieder ab. Das birgt eine neue Gefahr: Viele Adipositas- Patienten sind sowieso suchtgefährdet, und einige wenden sich dem Alkohol zu. Eine Operation bringt aber eine Reihe positiver Veränderungen. Ja, aber man muss wachsam bleiben. Die Patienten verlieren sehr schnell sehr viel Gewicht. Sie werden in gewisser Weise neu geboren. Sie müssen ständig neue Kleider kaufen. Auch nach einem Jahr kaufen viele noch Grösse 46, obwohl sie längst Grösse 38 haben. Die Selbstwahrnehmung hinkt hinterher. Mit der Zeit ändert sich dann das Auftreten. Früher war die Patientin der «dicke Buddy», und plötzlich werden sie für die schlanke Freundin zur Konkurrenz. Daran zerbrechen Freundschaften. Viele machen eine Weiterbildung, gefolgt von beruflichem und sozialem Aufstieg. Einige trennen sich von ihrem Partner. Der Konflikt hat vielleicht schon lange gebrodelt, und die Patientin hatte nie den Mut, ihren Mann zu verlassen.

Die Operation ist nur positiv?

Nein, die Patienten beginnen ihre alten Verletzungen und Wunden zu verarbeiten. Das löst vieles aus. Aber trotz unseren Bemühungen und Unterstützung kann die Psyche die körperliche Veränderung oft nicht nachvollziehen. Aus körperlicher Sicht ist es das einzig Richtige, zu operieren. Aber eine Operation ist kein Allheilmittel. Wir heilen Adipositas nicht. Wir helfen dem Patienten seinen Lebensstil zu verändern und können mit über 90-prozentiger Sicherheit garantieren, dass der Patient sein Gewicht langfristig halten kann. Einige Patienten fallen in die alten Verhaltensmuster zurück. Wir operieren eben nur den Magen und nicht den Kopf.

Was braucht es, damit der Lifestyle Change gelingt?

Es braucht die Einsicht, die Disziplin des Betroffenen und vor allem Unterstützung. Die Vergangenheit hat ja gezeigt, dass der Betroffene es nicht allein schafft. Wichtiger ist aber: Die Übergewichtigen müssen respektiert und Übergewicht als Krankheit wahrgenommen werden. Sie sind eben nicht bloss dumme, faule und undisziplinierte Wesen. Adipositas ist eine Krankheit.

Interview: Malte Aeberli

Links:

  • Interview mit Daniel Frey - PDF
  • Letzte Aktualisierung: 23.09.2020